Der eigene Gemüsegarten – Liebe auf der Waagschale

Nach einigen verregneten Wochen mit ungewöhnlich kühlen Temperaruten lockt mich heute frühmorgens blauer Himmel mit Sonnenschein in den Garten. Welch ein Glück, es ist Sonntag, ein freier Tag ohne dringende geschäftliche Verpflichtungen. Rundherum schläft alles noch, kein Laut ist zu hören.

Halt, das stimmt so nicht! Die bunte Vogelschar ist schon wach und bekundet mit lautem Gezwitscher ihren Unmut, weil ich ihre Futtersuche behindere. Wildbienen, vollbepackt mit Pollen, fliegen von Blüte zu Blüte und sammeln Nektar. Am anderen Eck im Garten dreht eine Katze in friedlicher Stimmung ihre Runden. Unzählige Insekten umschwirren die Blüten. Am Boden kriechen Weinbergschnecken zu ihrem kühlen und schattigen Unterschlupf für den Tag.

Rote Katze, die den Garten erkundet

Katze auf Streifzug im Garten

Langsam schleichend wandere ich durch den Garten, erkunde jedes Eck, rieche, fühle und staune über die neu erschienenen Pflanzen. Der Regen hat ihnen gutgetan. Die Sonnenstrahlen wärmen meine Haut.  An der ersten dunkelroten Erdbeere kann ich nicht vorbeigehen. Schwupps – sie schmeckt köstlich.

Plötzlich meldet sich mein Kopf.

Er schreit mir förmlich zu:

„Schau, was das alles für Arbeit ist! Der Rasen gehört gemäht, die Beete geharkt, die Wege rund um die Beete gepflegt, die Einfassung der Beete hat auch schon bessere Tage gesehen. Und denk auch an deine Zöglinge von Kürbis, Gurken, Melonen und wie sie alle heißen. Sie warten im Anzuchtregal darauf, dass du dich ihnen widmest und einen Platz im Garten gibst. Schau dich um. Wohin willst du sie setzen, wenn alles zugewachsen ist. Stell dich schon mal ein auf viele Stunden, in denen du die Beete vom Unkraut befreist. Das sind nur die dringend anstehenden Arbeiten. Soll ich die anderen Tätigkeiten aufzählen, die nicht gar so akut sind?“

Kurze Stille…

…gefolgt von einem hämischen Lachen. „Hab dir doch gesagt, ein Garten ist nichts für dich, du hast nicht genug Zeit dafür. Eigenes Gemüse im Naturgarten gut und schön, Arbeit macht’s, sonst nix, hihi.“

Meine Stimmung kippt. Gerade noch himmelhochjauchzend, macht sich in Sekunden ein Gefühl der Überforderung breit.

„Kopf, du hast ja recht, so viel Arbeit. Wie soll ich das nur schaffen? Soll ich einen Bagger kommen lassen und den ganzen Garten als einen neumodernen, naturfeindlichen Schottergarten mit Unkrautvlies darunter anlegen?“

Das Herz meldet sich knapp zu Wort. „Wenn du das machst, sind wir geschiedene Leute.“

Magen und Milz reden auch mit: „Hey du Gartenbesitzerin, wir melden vehement Anspruch auf erntefrisches Obst und Gemüse an. Der Speiseplan ist so viel reicher und bekömmlicher für uns. Willst du wirklich wieder alles kaufen? Die Sorten, die du selber anbaust, kriegst du gar nicht im nächsten Geschäft. Und woher nimmst du dann die Wildkräuter zum Garnieren für unsere Verdauung? Sag jetzt nicht, dass du die Kräuter täglich frisch auf Wiese, Feld und im Park pflückst. Wir kennen dich, dazu bist du zu faul.“ Der Darm grummelt seine Zustimmung.

Ist ja gut, wer in meinem Körper will noch seinen Senf dazu geben? Ich habe schon verstanden, nur der Kopf noch immer nicht. Er sieht Arbeit, Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit. Bekömmlichkeit, Artenvielfalt, Geschmacksvorteile, Frische und Erhalt der Natur sind ihm ziemlich egal.

Ein zartes Stimmchen der Lunge dringt an mein Ohr. „Bitte geh doch noch einmal bei den Holunderblüten und der Duftrose vorbei und nimm ein paar Atemzüge.“

Holunderblüten

Ob die Lunge wohl meinen Kopf mit Duft betören will? Und warum hat die Leber noch kein Statement abgegeben? Ich wundere mich, sie ist doch sonst nicht so „blutleer“.

„Na ganz einfach: ich bin für Harmonie“. Ah, endlich mal ein Satz der Leber.

Und wie schaffe ich nun Harmonie?

Das Gehirn läuft zur Hochform auf, es ist gefordert. „Mach doch eine Liste der Vor- und Nachteile eines Gartens und leg sie auf die Waagschale. Was ist dir persönlich mehr wert, was weniger. Schreib auch auf, wie du die Probleme lösen könntest, um Druck wegzunehmen. Wer könnte dir helfen, wo könntest du dir gegenüber nachsichtig sein.“

Das Herz ist überhaupt nicht einverstanden. „Sag mal Kopf, widersprichst du dir hier nicht? Grad eben hast du nur die Arbeit gesehen und jetzt soll sie die Vorteile auflisten? Warum lässt du sie nicht einfach auf mich hören?“

Ich hole mir Zettel und Stift, einen Versuch ist es wert.

Auf der einen Seite kommt auf die Waagschale:

  • Arbeit

Genauer betrachtet variiert die Arbeitsbelastung im Laufe eines Jahres in den einzelnen Monaten, abhängig auch vom Wetter. Manche Tätigkeiten sind dringend und erlauben keinen Aufschub, andere können gut eingeteilt werden.

Es ist Arbeit, die anderen Freizeittätigkeiten Zeit entzieht. Wandern, Radfahren, Kulturausflüge, sie alle müssen warten, wenn das Wetter passt und Handlungsbedarf im Garten besteht. Gemüsegartenliebe erfordert, woanders Abstriche machen und flexibel reagieren zu können.

  • Misslingen

Vieles geht schief. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht immer beeinflussbar. Mangelnde Zeit, mangelndes Fachwissen, Wetterkapriolen und Schädlinge spielen mit. Es kann einem der Kragen platzen, wenn das lange gehütete und betüddelte Pflänzchen über Nacht von Nacktschnecken aufgefressen wird oder von einem Hagelschauer stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wer gärtnert, sollte mit Rückschlägen umgehen können.

Auf der anderen Waagschale liegen:

  • Frischeres Obst und Gemüse als das aus dem Garten gibt es nicht

Bei der Vielzahl an verfügbaren Sorten und Arten, können traditionsreiche und standortgerechte Arten angebaut werden, die nichts mit den Sorten zu tun haben, die man im Supermarkt kaufen kann. Geschmacksvielfalt ist garantiert.

  • Der Garten generell bietet berauschende Glücksgefühle in vielerlei Hinsicht

Oh, wie vielfältig Glücksgefühle beim Gärtnern auftreten können! Ein paar Beispiele notiere ich:

Die Freude über

  • die ersten Keimblätter nach Aussaat
  • reichhaltige Ernte
  • wildaufgehende Kräuter für Küche und Vogelwelt
  • Vögel, die im Garten brüten und ihren Jungen die Futterquellen zeigen
  • herumstreifende Igel, die ausreichend Nahrungsquellen und Überwinterungsmöglichkeit finden
  • Bienen und Hummeln, die die Bestäubung sichern
  • tolle Fotomotive das ganze Jahr über
  • Entspannungsoasen
Drei Spatzen auf einem Zweig

Hausspatzen

Mir fallen noch so viele andere Dinge, die bestaunt und erlebt werden können. Betörende Düfte, strukturierte Oberflächen, grazile Muster. Alles direkt vor der Nase, innerhalb von Sekunden erreichbar, ganz ohne Zeitaufwand. Egal ob Gemüsegarten, Blumengarten oder Kräutergarten, es ist der Garten an sich, der für Glücksgefühle sorgt. Und die zählen für mich weit mehr als jede Arbeit und mögliches Misslingen. Ich lege den Stift zur Seite, die Entscheidung ist gefallen.

Zur Not kann ich die Beetfläche für Gemüse verkleinern und mehr pflegeleichte Naturwiese daraus machen. Andere Lösungsmöglichkeiten stehen mir auch offen. Ich weiß nur eins, ich will auf den Garten und selber angebautes Gemüse nicht verzichten, solange es mir möglich ist.

„Na dann ist es ja bewiesen und hat auch Logik“ sagt der Kopf.

Das Schlusswort hat das Herz: „Na endlich!“

Auf in ein „buntleben“!

Herzliche Grüße

Sylvia Wonisch

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