Die Babykarotten der guten Vorsätze

Ein Gärtner, der Saatgut der Sorte „Babykarotten“ sucht, kramt vergeblich.  Es gibt keine Karottensorte mit diesem Namen. Was sind die Babykarotten, die uns als Convenienceprodukt im Sackerl und tiefgekühlt angeboten werden und ein Verkaufsschlager wurden? Schlicht und einfach Teile einer normalen Karotte.

Die Idee dazu stammt von einem findigen Farmer aus Kalifornien. Er war es leid, die „nicht der Norm entsprechenden und als unschön empfundenen Karotten“ entsorgen zu müssen. In den 1980er Jahren hatte er die zündende Idee: „Ich schäl sie einfach und schnitze sie in eine perfekte, kleine, abgerundete, mundgerechte Form“. Die Babykarotte war geboren. Es sei dahingestellt, ob der Name war oder die Form für den Erfolg ausschlaggebend war. Beide suggerieren „gesund“, „jung“, knackig“, „frisch“. Er hat durch die Verkleinerung einen weltweit kopierten Verkaufsschlager gelandet und den als unperfekt erachteten Karotten einen Mehrwert gegeben.

Lassen wir die Diskussion um perfekt geformtes und genormtes Gemüse beiseite und werfen einen Blick auf das System vom Mehrwert durch Verkleinerung. Es lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen. Nicht schrecken – hier kommen sie – die Neujahrsvorsätze.

Was ist übrig geblieben von den guten Vorsätzen im neuen Jahr?

Waren sie zu groß und nicht deiner Norm entsprechend? Ich gebe zu, ich tappe auch immer wieder in diese Falle. Dabei sind es doch wir selbst, die die Norm festlegen.

Groß, schnell, ab sofort alles anders. Diesmal schaffe ich es.

Das funktioniert nicht einmal an einem magischen Datum wie Silvester. Der Alltag und die alten Gewohnheiten fordern Tribut und holen uns rasch auf den Boden der Tatsachen zurück.

Hut ab vor dir, wenn du deinen Neujahrsvorsätzen noch treu bist. Gratuliere, du gehörst einer Minderheit an. Der Großteil der guten Vorsätze geht einen anderen Weg und stirbt innerhalb von wenigen Tagen.

Die Hoffnung lässt den nächsten Neujahrsvorsatz aufleben.

Meine waren jahrelang sogar thematisch unverändert. Verändert habe ich sie bezogen auf ihre Größe – sie sind gewachsen und herausfordernder geworden.

„Wahrscheinlich waren sie zu klein und nicht fordernd genug.“ „Diesmal ist es mir wirklich ernst“.

Der Begriff Challenge (zu Deutsch: Herausforderung) ist sehr modern geworden. Wer etwas auf sich hält, der nimmt an Challenges teil und setzt die Latte hoch an. Passt das für jeden in jeder Situation?

Die Karotte namens Neujahrsvorsatz wird größer und größer, bekommt hier eine Beule, dort eine Ausbuchtung. Ob der unbewusste Verstand die Riesenkarotte ablehnt, weil sie ungeschält und krumm aus der Erde kommt, nicht knackig, frisch und gesund ausschaut? Vielleicht mutet überständig sie an, hat Macken und Rillen und irgendwo hat ein Bodenlebewesen daran genascht. Da beißt man gar nicht rein oder lässt den Vorsatz nach ein paar Gustohäppchen schwupp-di-wupp wieder fallen. Morgen ist ein neuer Tag. Die Karotte bleibt unbeachtet liegen und wird welk und zäh bis sie im Müll landet. Ade Neujahrsvorsatz, nächstes Jahr neue Chance.

Wenden wir das Babykarottensystem auf die Neujahrsvorsätze an.

Wenn sie groß nicht konsumiert werden, dann lass sie sie uns kleiner und kleiner machen. Schneiden wir aus einem Vorsatz viele kleine Stücke heraus und nehmen uns nur einen vor.

Appetitanregend, mundgerecht, frisch, knackig, erfolgversprechend und unschuldig.

Vorbei sind die Gedanken an alle nicht umgesetzten Vorsätze der letzten Jahre. Das kleine Stück schaut vielversprechend aus und kann auch im Alltag bestehen.

Kleine Häppchen können jederzeit gestartet werden.

Warum warten auf Silvester, um lauthals den neuen „Diesmal-Wirklich-Vorsatz“ zu verkünden. Mini geht immer.

Mini geht auch jetzt.

Sofort.

Taten setzen mit Baby-Vorsätzen.

Denk dran, wie weit du kommen kannst, wenn du jetzt schon mit der Umsetzung nach der Babykarotten-Formel anfängst. Viel weiter als du denkst. 3 Wochen pro Mini-Vorhaben sind ein guter Ansatz. Drei Wochen Zeit, um die Änderung zu testen und vielleicht zu einer neuen guten Gewohnheit werden zu lassen. Das Silvesterdatum erhält weniger Beachtung und verliert an Gewicht. Zumindest bezogen auf die guten Vorsätze. Du kannst das neue Jahr entspannt begrüßen.

Gewohnheiten sind wichtige Einflussfaktoren für eine Änderung.

Täglich fallen abertausende kleinere und größere Entscheidungen an. Die meisten unbewusst, dennoch fordern sie dich. „Soll ich jetzt eine Tasse Kaffee trinken oder Tee?“ Eine Gewohnheit ist automatisiert und benötigt keine Entscheidung mehr. Super, ein Problem weniger. Freie Energie und Kapazität für wichtigere Entscheidungen stehen zur Verfügung. Viele kleine Schritte der Neujahrsvorsätze können zu Gewohnheiten umgewandelt werden.

Eine Falle, die du besser weiträumig umgehst.

Mich hat diese Falle wie magisch angezogen. Wie eine Fliege im Spinnennetz bin ich lange daran kleben geblieben.

Hier kommt sie – die heimtückischste aller Fallen: An mehr als einem Vorsatz gleichzeitig arbeiten wollen.

Gerade im fortgeschrittenen Alter wie ich, mit noch so vielen Vorsätzen, die im Leben auf Umsetzung warten, lockt diese Falle betörend duftend. Die Rute der absehbaren verbliebenen Lebenszeit steht drohend im Fenster.

„Also gleich an allen arbeiten, die mir sooo enorm wichtig sind.“ Musizieren, das leidige Gewichtsthema, Zeichnen lernen, Suchtverhalten jeglicher Art abstellen, Sport, und und und… Dazu noch die beruflichen Vorsätze, die ich mir vorgenommen habe. Es kommt eine Menge zusammen.

Damit sie immer präsent sind, habe ich sie in mein Jahresjournal geschrieben und mit Stickern und Malereien behübscht. Es folgten Zwischenschritte und Meilensteine, die ich erreichen wollte, heruntergebrochen bis auf einzelne ToDo’s. Die ToDo’s habe ich in meinen Tagesplan übernommen. Kannst du dir vorstellen, dass ich bald mit einer A4-Seite in meinem Tagesplan nicht ausgekommen bin?

Mag sein, dass ein routinierter, Babykarotten-Formel-erprobter Mensch es schafft, an mehr als einem guten Vorsatz gleichzeitig zu arbeiten. Mich hat es überfordert. Mit der Konsequenz, dass ich nicht einmal die mundgerechten, knackigen Happen eines einzigen Vorsatzes nachhaltig umsetzen konnte.

Die Lösung klingt banal und erfordert Vertrauen. Konzentration auf eins.

Gut, aber wo anfangen, was ist die erste Babykarotte für einen guten Start bei dem EINEN Vorsatz?

Nach langen Hin und Her, Abwiegen der Vorteile und Nachteile und einigen falschen Entscheidungen bin ich für mich zum Schluss gekommen, es ist die Motivation, die zählt. Ein Mini-Vorhaben, bei dem ich mir in schillernden, freudigen Farben vorstellen kann, wie die Ziellinie überquert und ein innerlicher Glückssturm ausgelöst wird, das ist gut geeignet für den Start.

Schwierigkeitsgrad niedrig ist die Devise.

Spiele für Smartphone, iPad und PC boomen. Zwischendurch, auf dem Weg zu Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Leute sind über ihre Smartphones gebeugt. Die Aufgaben haben anfangs einen niedrigen Schwierigkeitsgrad. Hat man ein „Level“ gemeistert, gelangt man auf die nächste, etwas herausforderndere Stufe und so fort.

Vorsicht: Dieses System kann bei Spielen süchtig machen! Für’s Babykarotten-System der Vorsätze ist goldrichtig. Zum Einstieg extrem niedrige Hürden, das erste Erfolgserlebnis ist in greifbarer Nähe und macht Lust auf mehr.

Ein Babykarotten-Vorsatz, nicht zwei oder drei oder gar noch mehr.

Erst wenn dieser Schritt als Gewohnheit in Fleisch und Blut übergegangen ist folgt der nächste. Wer versucht, das Spiel zu überlisten, gleichzeitig verschiedene Levels spielen will, landet schnell wieder bei den Riesenkarotten des Neujahrsvorsatzes. Einen Level absolvieren, der nächste folgt später. Mit diesem System kommst du sicher weiter.

Wie du feststellst, ob dein Vorsatz einer Babykarotte entspricht.

Babykarotten sind in mundgerechte Happen geschnitten. Ein zu großer Teilvorsatz passt noch nicht in dein Leben. Etwas in dir drinnen sträubt sich und du fängst an, auf morgen oder später zu verschieben – wie bei der berühmten Morgen-Diät.

Halt! Stopp! Teile den Vorsatz weiter auf und schnitze daraus mehrere noch kleinere Stücke. Die Umsetzung soll keine Energie kosten, sondern erfordert zu Beginn einzig und alleine Aufmerksamkeit, bis der Schritt zur Gewohnheit geworden ist. Nimm dir am Anfang nichts vor, was eine Stunde (oder mehr) Zeit täglich in Anspruch nimmt. Du merkst selber schnell, wo deine Schmerzgrenze liegt. Vielleicht sind es Dinge, die 5 Minuten deiner Zeit abverlangen oder sogar nur eine Minute. Steigere den Schwierigkeitsgrad im Schneckentempo mit der Zeit, sobald du beim vorigen Schritt trittfest geworden bist.

Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit sind bedeutsamer als Geschwindigkeit. Warum sonst hast du den Artikel bis hierher gelesen.

„Das dauert aber viel zu lange, bis ich beim gewünschten Ergebnis angelangt bin“.

Ja, stimmt. Je nach Vorsatz dauert es mitunter lange, bis du am Ziel angelangt bist.  Aber du kommst irgendwann an. Halt einmal inne und überlege, wie weit du sein könntest, hättest du vor 3 Jahren einen deiner Neujahrsvorsätze in so kleine Babykarotten aufgeteilt. Was-wäre-wenn wollen wir nicht mehr weiterverfolgen. Darum leg eventuell aufkeimende Schuldgefühle beiseite. Unterbrich die Ausreden, die sich lauthals Gehör verschaffen wollen. Bedanke dich bei den Schuldgefühlen und den Ausreden und sag, du brauchst ihre Hilfe nicht.

 

Mit der Babykarotten-Formel hast du ein ausgezeichnetes Werkzeug in der Hand und gehst einen nachhaltigen Weg. Du hast während des Weges Zeit, links und rechts die Aussicht zu genießen und deine Teilerfolge gebührend zu feiern.

 

Auf in ein „buntleben“!

Herzliche Grüße

Sylvia Wonisch

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