Interview: Zu Gast – Karotte „Rolanka“, Expertin für Geduld

Heute begrüße ich einen besonderen Gast. Wir reden über Karottenanbau und über die Geduld. Meine Interviewpartnerin ist ein gutes dreiviertel Jahr alt und hat viel Erfahrung mit dem Thema. Ich freue mich sehr auf ihre Sichtweise.

Herzlich Willkommen, „Rolanka“, die lagerfähige Karotte mit einer besonders langen Reifezeit.

Danke sehr für die Einladung zu diesem Gespräch. Ich freue mich, aus der Möhrensicht dem ambitionierten Gärtner den einen oder anderen Ratschlag zum Anbau von Karotten und zur Geduld mitgeben zu dürfen.

Rolanka, rund um das Thema Geduld gibt es viele Sprichwörter unter den Menschen. Eines davon stammt von Konfuzius, der schon einige hundert Jahre vor Christi Geburt im alten China über die Geduld geschrieben hat:

„Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern“ (Konfuzius)

Was sagst du als Vertreterin der Pflanzen zu diesem Sprichwort?

Oh, das hat total seine Berechtigung. Konfuzius muss ein weiser Mann gewesen sein. Bei uns in der Pflanzenwelt kennen wir Ungeduld nicht so, wie ihr Menschen. In der Erde schlummern Millionen von Samen, die alle nur auf den richtigen Moment warten. Wann er kommt liegt nicht in unserer Macht. Die Pflanzensamen vertrauen darauf und warten geduldig auf ihren großen Auftritt.

Und aus dem Karottenlager kann ich dir auch ein Beispiel geben. Schau dir so einen kleinen Karottensamen an. Bringst du während des vergleichsweise langen Keimprozesses die Geduld nicht auf oder ziehst später ungeduldig kleine Möhrchen aus dem Boden, kannst du nie eine lange, reife, süße Möhre ernten. Lange Keimdauer und lange Entwicklungszeit bis zur Reife, das ist charakteristisch für die meisten Karottensorten.

*Lachend*: Stimmt, damit habe ich schon leidvolle Erfahrung in meinen Anfangsjahren des Gemüsegärtnerns gemacht. Ich habe jeden denkbaren Ungeduldsfehler begangen. Mit der Folge, dass die Möhren dann zwischen den hektisch dazu gepflanzten Tomaten gewachsen sind. Abgesehen davon, dass ihr Karotten euch nicht so gerne neben Tomaten wiederfindet, geerntet habe ich weder das eine noch das andere. Das war ein gutes Lehrjahr für mich.

Aber sag mal, welchen Ratschlag kannst du mir und den Lesern aus deiner Sicht geben?

Da wäre einmal die praktische Handhabung der Geduld beim Gemüsegärtnern. Natürlich beziehe ich mich am einfachsten auf Karotten aus der Doldenblütlerfamilie, weil wir so ein gutes Beispiel abgeben.

Karottensamen brauchen 3 bis 4 Wochen bis der Keimling an der Erdoberfläche sichtbar wird. Euer Fachausdruck dafür ist „auflaufen“. Das ist schon eine lange Zeit, viel länger als so mancher andere nahe oder ferne Verwandte der Gemüsefamilie. Mir ist aufgefallen, viele Gärtner reagieren ungeduldig, wenn sich nicht innerhalb von wenigen Tagen nach dem Säen an der Erdoberfläche etwas regt. Doch wir brauchen unsere Zeit.

Geduld und Karotten – Praxistipp Nummer 1

Mische in der Saatreihe auch mal Radieschen oder Dill unter.

Beide Arten keimen schneller als wir Karotten. Bald schon zeigt sich etwas auf der Oberfläche, das die Ungeduld im Zaum halten kann. Die Radieschen haben noch dazu eine kurze Vegetationsdauer bis sie reif sind. Die sind schon aufgegessen, bevor wir Karotten den Platz im Beet wirklich brauchen. Den Dill müsst ihr halt auch abzupfen, damit wir Platz bekommen.

Danke, Rolanka, das ist ein guter Hinweis. Das mit den Radieschen habe ich schon probiert, aber die Samen sind mir ausgegangen. Hast du noch einen anderen praktischen Tipp für mich und auch für alle, denen Dill nicht so schmeckt?

Sicher, gerne.

Geduld und Karotten – Praxistipp Nummer 2

Du kannst auch die ganze Fläche, wo du Karotten gesät hast, anders markieren als mit Radieschen oder Dill. Sand auf die Saatreihen streuen als ein Beispiel. Etwas blöd ist, dass der Sand leicht weggeschwemmt wird bei Regen und auch beim Gießen. Wir Karotten brauchen unbedingt regelmäßig Wasser zum Keimen. Ich rate daher eher dazu die Saatreihe mit kleinen Stöckchen und gespannten Seilen zu markieren. Aber mein Favorit ist eindeutig…

…Tadaaaa….

Geduld und Karotten – Praxistipp Nummer 3

Lege gleich ein Kulturschutznetz über die Fläche, wo unsere Samen darunter liegen. Befestige es mit Steinen am Rand, damit es bei Wind nicht davon fliegt.

Ein Netz? Du meinst so ein Vlies zum Abdecken, das auch vor Frostperioden noch schützt und auch vor heftigem Regen?

Richtig. So ein leichtes wasserdurchlässiges Vlies oder das Kulturschutznetz, mit der netzartigen Struktur. Denn das hat gleich noch eine zweite positive Auswirkung auf uns Karotten: Es schützt uns vor der Möhrenfliege, die uns in bestimmten Monaten zum Fressen gern hat in unserem zarten Wachstumsstadium.

Super Tipp! Danke! Dann kann ich nicht übersehen, dass die Fläche belegt ist, auch wenn meine Augen noch nichts sehen. Und ich habe mit gleicher Klappe gleich die Möhrenfliege geschlagen.

Was rätst du uns Menschen zum Thema Geduld abgesehen von den praktischen Anbautipps?

Ja, das ist ein heißes Thema. Ob ich das hier wirklich ansprechen darf, so wie mir der Möhrenschnabel gewachsen ist?

Haha – Möhrenschnabel, du kennst einige Menschensprüche, das gefällt mir. Nur her damit und keine Scheu, wir halten vieles aus.

Na gut, aber auf deine Gefahr hinauf.

Ultimativer Karottengeduldstipp

Vertrauen und Ausspannen

Sag mal, können Menschen nie Ruhe geben und sich selbst etwas Gutes tun statt ständig den im Boden keimenden Karottensamen zu misstrauen? Einfach vertrauen, wenn ihr bei der Karottensaatreihe vorbeikommt? Abgesehen von dem Wasser brauchen wir Ruhe und Zeit. Wenn ich das auf euch übertrage, dann entspannt euch lieber im Liegestuhl in der Sonne. Nehmt euch doch die paar Minuten täglich zum süßen Nichtstun. Mein Traum wäre, jeder Mensch erinnert sich ab nun bei Möhrenbeet an: „Juhu, 10 Minuten (oder gerne mehr) Zeit nur für mich“.

Eure Welt scheint mir sehr hektisch zu sein. Jede Sekunde des Tages muss produktiv verbracht werden. Doch wer bestimmt darüber, was „produktiv“ ist und was „unproduktiv“. In Möhrenaugen ist es durchaus produktiv, sich Zeit für Ruhe zu gönnen um danach frisch gestärkt durchstarten zu können. Produktiver sogar, als von  Zeit getrieben in der Erde herumzuwühlen.

Es gibt so viel, das Spaß macht und keinen großartigen Aufwand bedarf. Auf den Atem konzentrieren, Singen, Tanzen, Hüpfen, gemütlich im Liegestuhl Platz nehmen. Oder nehmt euch ein gutes Buch zur Hand, hört Musik, lauscht den Vogelstimmen. Dreht eine Gartenrunde mit allen Sinnen. Da dran riechen, dort das Blättchen befühlen, den Marienkäfern bei der Läusejagd zuschauen, die Blüte bestaunen, fotografieren, eure Gedanken zu Papier bringen. Mir kommt vor, eure liebste Beschäftigung heißt „misstrauischer Dauerstress“. Dabei bietet der Garten so viele Möglichkeiten zum Entspannen. Wie gesagt, alles nur aus meiner persönliche Möhrensicht.

Rolanka, ich gebe dir recht. Der Eindruck kann durchaus entstehen. Sehr schnell landen wir bewusst oder unbewusst in einer Stresssituation. Deine Ermahnung aus Karottensicht tut gut. Ich danke dir ganz herzlich dafür.

Ich fasse die 4 Tipps für die Leser und Leserinnen noch einmal zusammen:

Schön zusammengefasst, ich bin dankbar, dass ich beitragen durfte mit ein paar Worten zum Thema Geduld und Karottenanbau. Ich wünsche allen Gärtnern: mögen alle Karottensamen keimen und zu stattlichen Möhren heranwachsen mit dem Quentchen Geduld des Gärtners.

Danke auch noch einmal für deine Zeit und deine Bereitschaft zu diesem Interview. Ich habe die „Karottensicht“ sehr genossen.

Portrait von Rolanka:
botanischer Name: Daucus carota
lagerfähige Speisekarotte, mittellang bis lang
Aussehen: zylindrisch
Farbe: orange
Geschmack: süßaromatisch
Reifezeit: ca 160 Tage

Auf in ein „buntleben“!

Herzliche Grüße

Sylvia Wonisch

 

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