Plötzlich schlapp und müde statt fit wie ein durchtrainierter Mitte Dreißiger? – Beobachtungen und Lösungen für die Gartenarbeit

Ein Garten soll in jedem Alter Spaß machen und eine Oase für Erholung sein. Mutiert der Garten zu einem kraftraubenden Monster, dann läuft was falsch. Das ist mir mit zunehmendem Alter aufgefallen. Was vorher einfach ging, was gar kein Thema war, wurde schleichend und unmerklich zu einem Berg, den es wieder und wieder zu bezwingen galt.

Nicht jeder Mensch hat in höherem Alter die gleich gute körperliche Konstitution wie ein fitter Mitdreißiger. Klar gibt es Ausnahmen und ich wünsche jedem, er möge zu so einer Ausnahme gehören und egal welchen Alters über unermessliche körperliche und geistige Kräfte verfügen. Bei mir trifft das leider nicht zu. Meine körperliche Konstitution hat ordentlich nachgelassen und ich merke die Müdigkeit in den Gliedern schneller und längerdauernd.

So kam es, dass ich mir wohl oder übel eingestehen musste, es bedarf einer gravierenden Änderung in meinem Gartenleben. Fünf Faktoren haben ich beobachtet und Lösungen dafür gefunden. Selbst wenn ich durch ein Wunder (das immer passieren kann) im nächsten Jahr wie eine junge Gazelle frisch und munter durch den Garten hüpfe, sie erleichtern mir das Leben.

Wenn alles gleichzeitig reif wird, bin ich „bestenfalls“ überarbeitet oder sogar überfordert.

Beim Säen und Pflanzen von später wohlschmeckendem Gemüse denkt man noch nicht an die Ernte. Da geht’s drum, die Pflanzen und Samen in die Erde zu bekommen, die Beete effizient zu nutzen. Mir passiert es immer mal, dass ich die spätere Ernte falsch einschätze. Auf einmal sind zig Pflanzen mit grünen Bohnen (Fisolen) gleichzeitig reif, im August leuchten kiloweise Fleischtomaten aus den Beeten.

Verarbeite uns!

Ja, gern. Aber wie, wenn Zeit und Kraft endlich sind? Es muss schnell gehen, sonst sind die Früchte der so lange gut gehüteten und umsorgten Pflanzen nur mehr für den Kompost zu gebrauchen. Das war ganz sicher nicht das Ziel und die Früchte sind auch zu schade zum Verrottenlassen. Bleibt als einzige Alternative das Einkochen, Einfrieren, Einlegen, was das Zeug hält. Wenn’s nur die Zeit fürs Verarbeiten wäre, ginge das sogar noch. Doch damit ist es ja nicht getan! Einmachgläser müssen hergerichtet werden, Küche geputzt (Sauberkeit ist das A und O beim Haltbarmachen), und und und. Stunde um Stunde geht für die Verarbeitung drauf. Muss man wirklich eine zehnköpfige Familie samt Verwandtschaft mit dem Gemüse beglücken, wenn von vornherein keine Zeit zum Einkochen war?

Just als ich mir wieder diese Frage stellte, was mache ich zur Ernte mit all den Köstlichkeiten, erinnerte mich eine Freundin an ihre Mutter. Sie geht immer zum Naschen in den Garten. Bisher habe ich darüber gelächelt, aber sie hat recht! Es reichen ein paar Pflänzchen von jeder Art, um den außergewöhnlichen Geschmack eigenen Gemüses zu erleben. So viel, dass man es in kurzer Zeit frisch verkochen oder frisch im Garten davon naschen kann. Dafür auf Vielfalt setzen und viele unterschiedliche Arten mit unterschiedlichem Erntezeitpunkt anbauen. Alternative gibt es auch beim zeitlich versetzten Anbau. Nicht alles gleichzeitig säen heißt, auch bei der Ernte eine Zeitverzögerung zu haben. Viele Gemüsesorten kann man über mehrere Wochen versetzt säen.

Sollte ich mal Lust auf eine große Einmachaktion haben, dann besorge ich mir das Gemüse beim regionalen Biobauern.

 

Ich muss nicht alles selber machen, ich darf mir Hilfe holen

Meine zweite Beobachtung war für mich ein Hammerschlag, an dem ich lange gekiefelt habe. Es war meine volle Überzeugung: „Ich wollte den Garten, also muss ich ihn auch alleine stemmen, sonst bräuchte ich keinen Garten.“ Fit und voller Tatendrang konnte mich vor einigen Jahren nicht einmal ein heißer Sonnentag abhalten, ein Projekt von A bis Z durchzuziehen, gut geschützt vor der Sonne versteht sich.

Das ging lange gut. Die letzten Jahre allerdings gab es schon Anzeichen, dass sich die Situation ändern könnte. Ich habe alle Bedenken weggewischt und viele Ausreden gesucht, warum ich meine Vorhaben nicht umsetzen konnte. Mal war das Wetter schuld, mal mein Job, mal eine familiäre Angelegenheit. „Nächstes Jahr machst du das dann, Sylvia, ganz sicher, du schupfst den Garten mit links“. Das nächste Jahr kam und mit ihm viele neue Ideen, die alten noch nicht umgesetzt.

Im Coronajahr 2020 hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ein paar Wehwehchen mehr, ein bisschen Fitness weniger und müde Glieder vertrugen sich nicht mit den tausend alten, noch nicht umgesetzten Ideen und mit den hundert neuen. Da war er wieder – der Hammer!

Er brachte die Erkenntnis, ich verschiebe körperlich anstrengende Arbeit nur von einem Jahr aufs andere, und so darf es nicht weitergehen. Wer an Zufall glaubt, dem sei gesagt, mir ist dann so ein Zufall passiert. Ein Gärtner kreuzte meinen Weg und ich kam mit ihm ins Gespräch. Er sagte, ich müsse „nur“ alle paar Tage 3 Stunden intensiv im Garten arbeiten und in einigen Monaten ist der Garten so, wie ich ihn haben will. Wichtig sei, dass ich die Stunden wirklich dranbliebe, damit der Fortschritt sichtbar wird. Naja, die 3 Stunden waren wohl zu niedrig gegriffen, aber mir war sofort klar, das schaffe ich körperlich nicht.

Ohne viel Nachzudenken habe ich einfach drauf losgeplappert, was mir alles vorschwebt und ihn dann sofort beauftragt. Mir war egal, ob die Arbeit heute, morgen oder nächste Woche erledigt wird, Hauptsache, sie wird überhaupt bewältigt. Wir haben uns geeinigt, dass die grobe, körperliche Arbeit vom Gärtner übernommen wird und ich mich der einfachen, nicht anstrengenden Arbeit widme. Ein Gewinn für beide. Gerade kleinere Betriebe sind froh über Lückenfülleraufträge, die zeitlich irgendwann gemacht werden können. Im Garten nichts einfacher als das. Die Arbeit wird besprochen, der Zugang ist immer da. Der Gärtner kann kommen und arbeiten, wann er will.

Für mich war das ein sehr ungewöhnlicher Schritt, den ich mir vor Jahren nicht vorstellen konnte. Jetzt bin ich glücklich damit. Ich kümmere mich nur mehr um Tätigkeiten, die mich nicht erschöpfen und die ich zeitnah erledigen kann. Alles andere habe ich neumodisch „outgesourct“.

 

Ich muss nicht so viel wollen + darf Beschränkungen zulassen

Im Wort „Beschränkung“ schwingt so viel Negatives mit. Sucht man nach Synonymen, findet man zuerst nur negative Bedeutungen wie Beschneidung, Hindernis, Elend, und viele mehr.

Pfui, ich mag nichts Negatives im Garten haben!

Wie wäre es mit der Bedeutung „Beherrschung“ im Sinne von Disziplin, Geduld, Askese, Macht, Ruhe, Gleichgewicht, Gelassenheit, Bescheidenheit oder im Sinne von „Minimalismus“ für die Beschränkungen? Dann klingt das doch gleich ganz anders.

Jeder hat die Freiheit, über alles Mögliche im Garten zu bestimmen. Die Größe der Anbaufläche, die des Rasens, oder vielleicht doch eine Wiese, die nur einmal im Jahr gemäht wird? Die Gemüsebeete könnten zu Blumenbeeten werden, die mit mehrjährigen Stauden bepflanzt sind, die wenig Pflegeaufwand bedürfen. Obstbäume könnte man als Selbsterntebaum in einem Internetportal eintragen. Wer das nicht will, kann statt riesiger Obstbäume mit hunderten Kilo Obst kleine Säulenobstbäume anpflanzen. Da braucht man dann auch keine Leiter oder andere Hilfsmittel zur Ernte.

Ja, man könnte sogar einen Teil des Gartens vermieten oder verpachten an Freunde, Bekannte oder Nachbarn.

Ich habe mich dazu entschieden, mich voll und ganz auf den Garten beim Haus zu beschränken und den gepachteten Zweitgarten nicht wie beabsichtigt zu einem Schaugarten auszubauen. Damals bei Pachtbeginn hätte ich schon weiterdenken sollen. Aber ich habe nur den wunderschönen, riesigen Traumgarten gesehen, der mich verzaubert hat. Er verzaubert mich noch immer und es tut mir richtig weh, dass ich ihn nicht so nutzen konnte wie ich wollte und ihn demnächst aufgebe. Die Vernunft hat gesiegt. Ich lebe meinen Traum jetzt im viel kleineren Hausgarten, der noch immer mit so viel Arbeit für mich aufwartet, dass ich über Askese und Minimalismus nachdenke.

Wichtig ist mir heute, dass ich mich nicht verausgabe, sondern auch lebe. In und mit dem Garten.

 

 „Morgen ist auch noch ein Tag“

Vor einigen Jahren noch konnte ich den ganzen Tag bei Sonne, Wind und Wetter mit Gartenarbeit verbringen. Hatte ich ein neues Projekt im Kopf, konnte mich nichts davon abhalten, das zügig und in möglichst einer konzentrierten Aktion abzuwickeln. Nach jedem Tag in voller Fahr bei der Gartenarbeit war ich  – sonst Schreibtischarbeiterin – rechtschaffen müde am Abend, aber angenehm müde.

Heute werde ich schon nach wenigen Stunden völlig k.o., ein oder mehrere Gartenarbeitsmarathon-Tage kämen gar nicht in Frage. Ich fing an, den Garten zu hassen.

Haßliebe Garten – nein danke!

Über die Jahre habe ich meinen Körper kennengelernt und wusste, meine Energiekurve der körperlichen Kraft ist am frühen Morgen am höchsten. Danach fällt sie rapide ab, um am Nachmittag ins Bodenlose zu versinken – vor allem bei heißem Wetter. Also habe ich die Arbeit aufgeteilt auf mehrere Tage, mir den Wecker gestellt und bin jeden Tag eine halbe Stunde früher aufgestanden. Lieber täglich ein wenig als für die Wochenenden oder freien Tage alles vornehmen und nichts schaffen.

Die frühen Morgenstunden haben einen weiteren positiven Effekt: Es ist nicht so heiß. Hitze kann ich mit zunehmendem Alter immer schwerer aushalten, trotz Sonnenschutz.

Die Pausen dürfen länger werden und ich darf entspannen

Als Erweiterung zur Erkenntnis „Morgen ist auch noch ein Tag“ kommen die Pausen ins Spiel. Früher habe ich mir während der Gartenarbeit nur kurze Pausen erlaubt, zum Wasser trinken und zur Abkühlung. Den Liegestuhl mitnehmen und mit gemütlich hinlegen, das wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Jedes Lebensjahr mehr fordert von mir mehr und längere Pausen ein und ich erlaube mir diese Pausen.

Es liegt ja nur in der eigenen Betrachtungsweise, wenn man sich keine Zeit für Erholung im Garten nimmt. Welcher Hahn kräht danach? Jetzt mal abgesehen von Fehden in Kleingartensiedlungen, die hier kein Thema sein sollen. In einem ganz normalen Garten, in einer ganz normalen Siedlung, mit ganz normalen Nachbarn, wer soll sich schon aufregen, dass ich heute lieber ein Buch lese im Garten statt Unkraut zu jäten? Wird es eben morgen gejätet oder übermorgen oder nächste Woche. Ok – Kompromiss – heute entspanne ich und innerhalb der nächsten 2 Tage rupfe ich das Beikraut aus dem Gemüsebeet.

Ich darf mit mir selber Kompromisse eingehen, was für eine Erkenntnis!

Mein Garten ist meine Welt, in der ich entscheiden darf, wann und wie lange ich Pause mache. Dafür rede ich dem Nachbarn ja auch nicht in seine Arbeits-Pausen-Gestaltung bei der Gartenarbeit drein. Ich bin Herrin über die Wahl meiner Aktivitäts- und Entspannungsphasen. Mit zunehmendem Alter dürfen die Erholungs- und Ruhephasen mehr werden und die Aktivitätsphasen übertreffen.

Endlich genieße ich den Garten und erlaube mir, auch mal nichts zu tun. Dabei nehme ich mit allen Sinnen auf, was sich rundherum tut und verbiete Schuldgefühlen wegen Untätigkeit den Zugang zu meinen Gedanken.

 

Ich bin sicher, es werden sich noch weitere Erkenntnisse in den nächsten Jahren ergeben. Um den Garten als Lust und Freude zu empfinden statt als Monster, braucht es Lösungen. Und die findet man, ganz sicher!

 

Auf in ein „buntleben“!

Herzliche Grüße

Sylvia Wonisch

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